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Nächster Halt Ausnahmezustand: Wie Berlins Nahverkehr Geschichte schrieb

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27.02.2026

Liebe Berliner, es ist wieder so weit: Wenn ab dem 27. Februar 2026 um 3 Uhr morgens die U-Bahnen und ein Großteil der Busse und Trams für 48 Stunden in den Depots bleiben, übt sich die Hauptstadt in ihrer absoluten Paradedisziplin – dem gepflegten Stillstand.

Bevor Sie jetzt aber schnaubend aufs Fahrrad steigen oder resigniert ins Homeoffice schleichen, lohnt sich ein Blick in den Rückspiegel. Denn wenn in Berlin der Nahverkehr streikt, geht es historisch betrachtet selten nur um ein paar Euro fuffzig mehr auf dem Gehaltszettel. Oft ging es um das Schicksal der Republik, um völlig absurde Kalte-Kriegs-Logik oder, wie in dieser Tarifrunde, um handfeste Arbeitsbedingungen, die von einem breiten Klima-Bündnis flankiert werden.

Früher Notfahrplan, heute Stillstand: Warum es beim BVG-Streik keine Grundversorgung gibt

1920: Straßenbahner knipsen Putschisten das Licht aus

Vergessen Sie Bruce Willis, die wahren Actionhelden Berlins fuhren 1920 Straßenbahn. Als rechtsextreme Militärs im sogenannten Kapp-Putsch die frischgebackene Weimarer Regierung stürzen wollten, riefen Regierung und Gewerkschaften kurzerhand zum Generalstreik auf.

Rund zwölf Millionen Menschen im Reich machten mit, und in Berlin drehte man den Putschisten buchstäblich den Saft ab: Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke standen still, ebenso der Nahverkehr. Ohne Strom, ohne Telefon und ohne Tram lässt sich eine Metropole eben denkbar schlecht militärisch beherrschen. Nach wenigen Tagen gaben die Putschisten in den dunklen Ministerien entnervt auf.

1932: „Nazis und Kozis“ im Straßenkampf

Im November 1932, am bitteren Abgrund der ersten deutschen Demokratie, eskalierte ein Konflikt bei der neu gegründeten BVG. Der Auslöser? Eine Lohnkürzung um läppische zwei Pfennige. Die politische Pointe dieses Arbeitskampfes: Kommunisten (KPD) und Nationalsozialisten (NSDAP) unterstützten den Streik propagandistisch parallel – wenn auch nicht formell verbündet –, was schnell den spöttischen Beinamen „Nazis und Kozis“ zirkulieren ließ.

Die Lage auf den Straßen war dramatisch: Streikende gossen Schienen mit Beton aus, zerstörten Oberleitungen und bewarfen fahrende Busse mit Pflastersteinen. Die Gewalt forderte schließlich mehrere Tote durch Polizeikugeln. Der Ausstand endete nach wenigen Tagen in Resignation. Dass die extreme Linke die Nationalsozialisten in diesem Chaos teils tolerierte, wird heute von vielen Historikern als bittere Fehleinschätzung der totalitären Gefahr kommentiert.

1953: Mutiger Ausstand und sowjetische Panzer

Einen echten, todesmutigen Kampf führten die Verkehrsarbeiter beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 im Ostteil der Stadt. Was auf der Stalinallee als Protest der Bauarbeiter gegen höhere Arbeitsnormen begann, erfasste schnell den Verkehrssektor. Der Verkehr in Ost-Berlin war massiv gestört, da unzählige Beschäftigte der Bahnen spontan in den Ausstand traten und sich den Demonstrationen anschlossen.

Den Schrei nach Freiheit und gerechteren Arbeitsbedingungen beantwortete die Staatsmacht schließlich mit der Verhängung des Ausnahmezustands und brutaler Gewalt durch schwere sowjetische Panzer.

Während BVG-Streik: Unterbrechungen bei der Ringbahn auf dieser Strecke

BVG in Erklärungsnot: Falsche Berechnung verzögert Start der XXL-Tram für Berlin

1980: Das verrückteste Stück des Kalten Krieges

Der S-Bahn-Streik von 1980 schreibt das Drehbuch für eine Spionagekomödie, die leider nie gedreht wurde. Die surreale Situation: West-Berliner Eisenbahner streikten mitten im Kalten Krieg gegen ihren Arbeitgeber – den sozialistischen Staatsbetrieb Deutsche Reichsbahn aus Ost-Berlin. West-Berliner Polizisten mussten praktisch tatenlos zuschauen, während ostdeutsche Bahnpolizisten mit Hunden, Äxten und Brechstangen im kapitalistischen Westen besetzte Stellwerke räumten.

Das Ergebnis dieses Konflikts war fatal: Die Reichsbahn entließ massenhaft Personal und legte weite Teile des Netzes still. Pulsierende Trassen fielen in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf: Während die Ringbahn im Westen nach dem Mauerfall über Jahre hinweg mühsam wiederaufgebaut wurde, lag die Siemensbahn tatsächlich über Jahrzehnte brach und verrottete.

2008: Sarrazins Spitze und die Folgen

Spulen wir vor ins neoliberale Jahr 2008. Berlin war „arm, aber sexy“, und der rot-rote Senat sparte sich durch die Institutionen. Der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) wies die gewerkschaftlichen Forderungen zurück und bezeichnete den Ausstand als „nicht angemessen“. Verdi probierte es mit einer gezielten Taktik: Nur noch die Werkstätten wurden zum Streik aufgerufen. Die Folge: Weil Fahrzeuge nicht gewartet wurden, durften viele arbeitswillige Fahrer aus Sicherheitsgründen nicht vom Hof rollen und bekamen keinen Lohn – ein Vorgehen, das in der Debatte vielfach umstritten als „kalte Aussperrung“ kritisiert wurde. Am Ende stand ein Lohnmodell, das die Belegschaft aus Sicht vieler Beobachter auf Jahre in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft spaltete.

2026: Arbeitskampf mit Klima-Flankenschutz

Und heute? Der Warnstreik Ende Februar 2026 zeigt, wie sich die Vorzeichen gewandelt haben. Es geht in diesem Arbeitskampf gar nicht primär um Lohnprozente, sondern um den Manteltarif und die schiere physische Belastung.

Verdi fordert unter anderem eine garantierte Wendezeit von mindestens sechs Minuten – schlichtweg dafür, dass das Fahrpersonal durchatmen, Verspätungen abbauen oder auf die Toilette gehen kann.

Zudem hat die Gewerkschaft strategisch dazugelernt. Der klassische Arbeitskampf wird politisch von Klima-Akteuren unterstützt. Unter dem Label „Wir Fahren Zusammen“ hat sich Verdi mit Fridays for Future und der Klima-Allianz verbündet. Aktionen, bei denen Klimaschützer und Verkehrs-Beschäftigte zeitweise gemeinsam demonstrieren, liefern starke Bilder für die klare Logik der Streikenden: Ohne gute Arbeitsbedingungen gibt es nicht genug Personal, und ohne Personal fällt die politisch gewünschte Verkehrswende krachend in sich zusammen.

Wenn Sie an diesem Wochenende also frustriert an einer verwaisten Haltestelle stehen, atmen Sie tief durch. Sie ärgern sich nicht einfach nur über einen ausgefallenen Bus. Sie sind live dabei, wie Berlins verrückte Verkehrsgeschichte weitergeschrieben wird.


© Berliner Zeitung