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Der Siegeszug mit Hut: Wie das Ost-Ampelmännchen den Westen eroberte

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26.02.2026

Als die Mauer fiel, war die Richtung der kulturellen und wirtschaftlichen Übernahme eigentlich klar definiert. Der Westen brachte die D-Mark, die Reisefreiheit und ein komplett neues Gesellschaftssystem mit. Alles, was aus der DDR stammte, schien dazu verdammt zu sein, auf dem Schrottplatz der Geschichte oder in staubigen Archiven zu enden.Doch an den Straßenkreuzungen der wiedervereinigten Hauptstadt stieß die westliche Dominanz auf einen unerwarteten, leuchtend grünen Widerstand: ein kleines Männchen mit einem etwas zu groß geratenen Kopf, einer dynamischen Schrittfolge und einem flotten Hut.

Der dynamische Schritt

Um die Magie dieses städtischen Phänomens zu begreifen, muss man zurück in das Jahr 1961 blicken. Der Ost-Berliner Verkehrspsychologe Karl Peglau stand vor einem Problem: Die zunehmende Motorisierung überforderte viele Fußgänger, insbesondere Kinder und ältere Menschen. Die herkömmlichen, abstrakten Farbpunkte der Ampelanlagen waren ihm zu emotionslos und bei schlechtem Wetter oft schwer zu deuten.

So entstand eine Figur, die zwar ungemein sympathisch wirkte, im Kern jedoch purem Pragmatismus entsprang. Die ausladenden Arme des roten Stehmännchens und der weite, dynamische Schritt des grünen Gehmännchens hatten einen simplen physikalischen Hintergrund: Sie boten eine wesentlich größere Leuchtfläche als die schmalen, fast schon apathisch wirkenden Strichmännchen des Westens.

Wegen des markanten Hutes zögerte der Psychologe anfangs, da er fürchtete, dieser könnte als kleinbürgerliches Symbol verstanden werden. Doch ein Pressefoto, das den späteren Staatschef Erich Honecker mit einem Sommerhut zeigte, soll Peglau in seinem Entwurf beruhigt und bestärkt haben.

Bis das Männchen den Straßenverkehr regelte, vergingen allerdings noch einige Jahre. Erst 1969 wurde die erste Anlage an der Kreuzung Unter den Linden installiert, bevor das Ost-Ampelmännchen 1970 in den offiziellen DDR-Standard aufgenommen wurde.

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Die Nahtoderfahrung nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung 1990 sollte diese ostdeutsche Besonderheit, wie so vieles andere, der westdeutschen Normierung weichen. Die städtischen Behörden begannen pflichtbewusst, die Ost-Ampeln abzumontieren und durch das eckige, statische West-Männchen zu ersetzen. Was die Planer jedoch völlig unterschätzt hatten, war die emotionale Bindung der Bevölkerung an ihren leuchtenden Verkehrserzieher.

Für viele Ostdeutsche war der Austausch der Ampelmännchen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nachdem bereits Währung, Arbeitsmarkt und politische Strukturen vom Westen diktiert wurden, wollte man sich nicht auch noch vorschreiben lassen, wie man über die Straße zu gehen hatte.

Es formierte sich das Komitee zur Rettung der Ampelmännchen. Was als kleine Protestaktion begann, wuchs sich zu einem der ersten gesamtgesellschaftlichen Erfolge der Ostdeutschen nach der Wende aus. Der öffentliche Druck wurde so groß, dass die Politik schließlich einknickte. Das Ost-Ampelmännchen durfte bleiben.

Die ultimative kapitalistische Rache

Was dann folgte, ist eine der amüsantesten Ironien der deutsch-deutschen Geschichte. Das Symbol, das in einem sozialistischen Staat zur reinen Unfallprävention erfunden wurde, mutierte zur erfolgreichsten kapitalistischen Merchandising-Maschine Berlins. Heute grinst das Ampelmännchen von Kaffeetassen, T-Shirts, Schlüsselanhängern und wird in Form von Fruchtgummis vertilgt. Es ist neben dem Fernsehturm und dem Brandenburger Tor das wohl bekannteste visuelle Markenzeichen der Stadt geworden.

Die endgültige Demütigung für das West-Pendant fand jedoch still und leise auf den Straßen statt, wenngleich mit einigen bürokratischen Hürden. Noch 2004 sah ein Kompromiss des Berliner Senats vor, dass neue Ampelanlagen im Westteil der Stadt eigentlich weiterhin mit dem West-Symbol ausgestattet werden sollten. Doch die Realität überholte die Verordnungen: Im Zuge von technischen Umrüstungen an rund achtzig Anlagen im Jahr 2005 tauchte der Ost-Ampelmann plötzlich auch an den Kreuzungen im Westen Berlins auf.

Wenn man heute in Charlottenburg oder Zehlendorf an einer Fußgängerampel wartet, wird man von dem kleinen Mann mit Hut sicher über die Straße geleitet. Es war die wohl friedlichste, aber nachhaltigste feindliche Übernahme der Nachkriegszeit.


© Berliner Zeitung