Die Tränen des Torhüters: 1. FC Union Berlin bangt um Matheo Raab
Ronald Reng, Sportjournalist und Autor, hat vor ein paar Jahren ein viel beachtetes Buch geschrieben. „Der große Traum“ handelt von drei jungen Fußballern, die Reng über viele Jahre begleitet, mit ihnen Höhenflüge, aber auch Tiefschläge erlebt hat. Marius, Niko und Fotios eint ihr großes Ziel, irgendwann einmal in der Bundesliga zu spielen. Irgendwann einmal vor einem Millionenpublikum dem Ball hinterherzurennen, in die schönsten und größten Stadien dieses Landes einzulaufen, Erfolg zu haben mit dem, was ihnen am meisten Freude bereitet.
Die Geschichten der drei Jungs sind einzigartig, und trotzdem gibt es in Deutschland nicht wenige Nachwuchskicker, die diesen Traum so oder zumindest ganz ähnlich leben. Matheo Raab zum Beispiel, in der Kindheit erst für den SV Wolfenhausen in der mittelhessischen Provinz und danach für die Sportfreunde Eisbachtal im Westerwald am Ball, war früh überzeugt davon, irgendwann in der Bundesliga zu landen. Zumindest hatte er den unbändigen Ehrgeiz, das zu schaffen, was letztlich nur einem Bruchteil all dieser großen Träumer vergönnt ist. „Es konnte schon mal passieren, dass man bei Matheo übernachtet hat und er morgens erst einmal mit seinem Vater Trainingseinheiten absolviert hat“, erzählte ein guter Freund von Matheo Raab vor ein paar Jahren dem SWR.
Die Stimmen zum Union-Sieg: „Davon habe ich als kleiner Bub geträumt“
Die Union-Einzelkritik: Blasse Offensive, Joker und Debütant als Matchwinner
Am Sonntag – der 1. FC Union Berlin hatte gerade mit 1:0 beim SC Freiburg gewonnen und sich damit womöglich schon entscheidend Luft im Abstiegskampf verschafft – stand Matheo Raab mit Tränen in den Augen vor den wartenden Journalisten. Im Alter von 27 Jahren hatte er gerade sein erstes Spiel in der Fußball-Bundesliga absolviert, angekommen in der Spielklasse, die er so lange – mal aus der Nähe, mal aus der Ferne – immer vor Augen hatte. Die Stimme des Torhüters bebte, als er davon erzählte, was er in den 90 Minuten regulärer Spielzeit und 15 Minuten Nachspielzeit auf dem Rasen erlebt hatte. „Für mich ist heute ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. Davon habe ich als kleiner Bub geträumt. Es war ein langer Weg, aber heute ist es scheißegal, wie lange der Weg war – es hat sich gelohnt“, stammelte Raab.
Seine rechte Hand hielt er mit einem Eisbeutel kalt, die Schmerzen, die er hatte, nahmen nach Abpfiff ohne das Adrenalin des laufenden Spiels merklich zu. In der Nachspielzeit war er bei einer Rettungsaktion mit einem Freiburger Gegenspieler zusammengeprallt. Die erste Befürchtung, Schiedsrichter Sven Jablonski könne einen Elfmeter für den Gegner geben, wich schnell der Sorge um Matheo Raab. Der Keeper lag minutenlang auf dem Boden; schnell war klar, dass er die Szene nicht unbeschadet überstanden hatte. Trainer Steffen Baumgart hatte schon fünfmal ein- und ausgewechselt, also gab es nur zwei Optionen: Raab hätte vom Feld gehen und einem Feldspieler für die letzten Minuten sein Trikot geben können. Oder – und das war aus Raabs Sicht die einzige Option – er würde mit verletzter Hand weiterspielen. Sein erstes Bundesliga-Spiel sollte so nicht enden. Oder wie Raab es später formulierte: „Scheiß auf die Hand!“
„Ansonsten hätte ich die Hand vielleicht weggezogen“
Einen letzten Angriff musste Union aber noch überstehen: Jan-Niklas Beste kam für Freiburg zum Schuss, zirkelte den Ball herrlich aufs entfernte linke Eck. Raab, ohne groß nachzudenken, drückte sich vom Boden ab, schräg lag er in der Luft, den Ball im Blick und nur diesen einen Gedanken im Kopf: Halten! Mit den Fingerspitzen lenkte er den Versuch des Gegners ums Tor herum. Die Mitspieler kamen, bejubelten ihn. Raab trat gegen den Pfosten, irgendwo musste das Adrenalin ja hin. Kurz danach pfiff Jablonski ab. „Zum Glück habe ich keine Zeit gehabt, nachzudenken. Ansonsten hätte ich die Hand vielleicht weggezogen“, beschrieb der Schlussmann seine Heldentat, für die ihn nicht nur seine Teamkollegen, sondern nachher auch die knapp 2000 mitgereisten Fans im Gästeblock feierten.
„Matheo ist jemand, der in seiner Karriere immer wieder Rückschläge erlebt hat. Er bleibt trotzdem immer wieder klar und ruhig, gibt der Mannschaft alles – egal, ob als Nummer eins oder zwei“, stimmte Baumgart später eine Lobeshymne auf Raab an. Es waren rührende Bilder, wie der Trainer seinen Torhüter nach dem Spiel noch auf dem Platz in den Arm nahm, der Matchwinner seine Tränen an der Schulter des Chefs nicht zurückhalten konnte. Nicht zurückhalten wollte. Baumgart, ansonsten in der öffentlichen Wahrnehmung eher kratzbürstig unterwegs, war auf einmal ganz sanft.
💬 Matheo #Raab über sein #Bundesliga-Debüt ..."Ich bin einfach nur unheimlich glücklich. Scheiß auf die Hand! Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet, den wollte ich mir nicht nehmen lassen!"#FCUnion #SCFFCU #Bundesliga pic.twitter.com/PAyriPBE5B— 1. FC Union Berlin (@fcunion) March 15, 2026
💬 Matheo #Raab über sein #Bundesliga-Debüt ..."Ich bin einfach nur unheimlich glücklich. Scheiß auf die Hand! Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet, den wollte ich mir nicht nehmen lassen!"#FCUnion #SCFFCU #Bundesliga pic.twitter.com/PAyriPBE5B
Trainer und Spieler eint die gemeinsame Vergangenheit beim Hamburger SV. Im Sommer 2022 war Matheo Raab vom 1. FC Kaiserslautern in die Hansestadt gewechselt, angetrieben von der Hoffnung, beim HSV nicht nur die Nummer eins zu werden, sondern mit dem Verein die Rückkehr in die Bundesliga zu feiern. Die Realität sah anders aus. Der Verein verpasste den Aufstieg in Raabs erster Saison auf dramatische Art und Weise. Der Torhüter saß mehr als eineinhalb Jahre nur auf der Bank, weil an Stammkeeper Daniel Heuer Fernandes kein Vorbeikommen war. Baumgart, der den Trainerjob von Tim Walter übernahm, schenkte Raab sein Vertrauen, ließ ihn bis Saisonende spielen. Zu Beginn der darauffolgenden Spielzeit warf ihn eine Lungenentzündung zurück, und als er sich gerade zurückgekämpft und erste Spiele in der Liga und im DFB-Pokal absolviert hatte, brach er sich im Training den Handwurzelknochen der rechten Hand. Raab machte für den HSV kein Spiel mehr, Baumgart wurde entlassen.
„Man ist all die Jahre nicht auf dem ganz falschen Weg gewesen“, sagte Raab nach seinem Bundesliga-Debüt mit zitternder Stimme. „Es war nicht immer nur schön, aber heute war es schön, hoch in den Block zu gucken. Die Familie war da, hat die Daumen gedrückt“, erzählte der Torhüter, der nach eigener Aussage erst am Tag zuvor erfahren hatte, dass er in Freiburg spielen und damit neun Monate nach seinem Wechsel in die Hauptstadt den immer da gewesenen Traum leben würde. Ein paar Karten konnte er spontan noch organisieren, die, die es so kurzfristig nicht arrangieren konnten, drückten zu Hause vor dem Fernseher die Daumen.
1. FC Union Berlin: Die Eisernen halten in Freiburg dem erhöhten Druck stand
Nach 15 Minuten Stille: Union-Fans machen Partie bei RB Leipzig zum Heimspiel
Es sind die Menschen, die Matheo Raab bis heute alles bedeuten. Die Menschen, die ihn damals unterstützten, als seine Karriere als Fußballer nur noch am seidenen Faden hing. Im Oktober 2017 brach er sich in einem Spiel der Zweitvertretung des 1. FC Kaiserslautern in der Oberliga das Schienbein. Zwei Stunden nach dem Unfall wurde er das erste Mal operiert, innerhalb einer Woche folgten fünf weitere Male. Die behandelnden Ärzte eröffneten Raab, dass es fraglich sei, ob er jemals wieder Fußball spielen könne.
Immer noch unter Schmerzen stand er über ein Jahr später nach riesigen Anstrengungen in der Rehabilitation wieder im Tor der Pfälzer. Richtig beschwerdefrei war er aber erst Monate später, als ihm bei der insgesamt achten Operation diverse Metallteile aus seinem Unterschenkel entfernt wurden. „Ich bin so dankbar, dass ich wieder spielen kann, das führe mir immer wieder vor Augen. Wenn es Momente gibt, in denen die Motivation zum Trainieren vielleicht mal etwas geringer ist, erinnere ich mich einfach daran zurück, wie knapp ich davongekommen bin. Das ist Antrieb genug“, sagte Raab später in einem Interview.
Union-Fans feiern Raab in den sozialen Netzwerken
Nun also hat es Raab in die Bundesliga geschafft. Es könnte alles so schön sein. Es scheint unklar, wie lange Frederik Rönnow noch ausfällt, nachdem sich der Däne in der zurückliegenden Trainingswoche am Fuß verletzt hatte und erstmals in der laufenden Saison ein Spiel verpasste. Es wäre die Chance für Raab, sich weiter zu etablieren, mit Leistung zwischen den Pfosten zu überzeugen. Demgegenüber steht eine erste Prognose, die er schon unmittelbar nach Spielschluss abgab: „Es sieht nicht gut aus.“ Zu Wochenbeginn sollen Untersuchungen ergeben, was genau in der Hand kaputtgegangen ist und wie lange die Zwangspause diesmal sein wird.
Der Unterstützung aller Unioner darf er sich in jedem Fall sicher sein. Schon in der Vorwoche hatten ihm nicht nur die Trainer, sondern auch sämtliche Mitspieler das Gefühl gegeben, nicht bloß Rönnow-Ersatz, sondern ein vollwertiger Rückhalt zu sein. „Da kam niemand zu mir und hat erst noch dreimal gefragt, ob ich mir das zutraue“, sagte Raab, der nie im Nachwuchsleistungszentrum eines Profivereins gelernt hat. Am späten Sonntagabend wurde er dann in den sozialen Netzwerken von den Fans geadelt. „Gute Besserung, Maschine!“, hieß es unter einem Beitrag des Vereins zum Spiel. Oder: „Wow, wer hätte das gedacht? Wir haben endlich mal einen richtig starken Freddy-Vertreter.“
Nach Jahren, in denen diese Position als Schwachpunkt galt, wenn Rönnow mal verletzungs- oder krankheitsbedingt fehlte, scheint der 1. FC Union Berlin mit Matheo Raab einen guten Fang gemacht zu haben. Bleibt nur, die Daumen zu drücken, dass er dies in nächster Zeit noch einmal untermauern kann.
Von Marius, Niko und Fotios hat es übrigens nur Erstgenannter in die Bundesliga geschafft. Für Hannover, Frankfurt, Dortmund, Hertha BSC, Köln und Augsburg hat Marius Wolf bis heute über 200 Spiele in der Beletage gemacht. Auf eine solche Zahl wird Matheo Raab mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in seiner Karriere nicht mehr kommen. Für den Moment aber spielt das keine Rolle. Seinen ersten Einsatz, den er auch ohne die besonderen Umstände nie vergessen hätte, kann ihm keiner mehr nehmen. Da ist auch ein schwer lädiertes Körperteil erst einmal zweitrangig. „Scheiß auf die Hand!“
