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Dopamin-Designs aus Dresden: Tina Bobbe verbindet Alltagsgegenstände mit Kunst und guter Laune

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20.02.2026

Eine Kaffeemaschine, die von einem quietschgelben Rohr gerahmt ist. Eine, die aussieht, als bestünde sie aus gesprenkeltem Terrazzo. Und ein manueller Filterkaffeebereiter aus Naturstein und Harz: Wer sich das Portfolio der Designerin Tina Bobbe anschaut, dem drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob die Objekte tatsächlich echt sind.

Stehen diese an Kunst erinnernden Alltagsgegenstände wirklich in einer Küche und brühen heißen Kaffee auf? Einige von ihnen gibt es so nicht in der Realität, sie sind mit Künstlicher Intelligenz designt. Andere hat die gelernte Maschinenbauerin aber tatsächlich gefertigt.

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Als Design plötzlich Spaß machen durfte

Tina Bobbe aus Dresden studierte zuerst Maschinenbau in Berlin. Nach anfänglicher Begeisterung begann sie allerdings, den kreativen Part zu vermissen. Deshalb schrieb sie sich an der TU Dresden ebenfalls für Maschinenbau ein, allerdings mit der Vertiefung in Industriedesign, und promovierte zum Thema Designforschung.

Während ihres Studiums – noch bevor sie selbst begann, Produkte zu entwerfen –  stieß sie auf die Mailänder Gruppe Memphis, unter der sich 1980 Möbel-, Textil- und Keramikdesignerinnen und -designer der Postmoderne zusammenschlossen. Gegründet von dem italienischen Architekten Ettore Sottsass war es eine Gruppe, die das Verständnis von Design gründlich auf den Kopf stellte. Bis dahin hatte man sich dem Funktionalismus verschrieben: Gegenstände sollten vor allem ihre Aufgabe erfüllen – vernünftig, schlicht und praktisch galten als Ideal, ganz nach dem Motto „form follows function“.

Das Memphis-Kollektiv setzte dazu mit seinen Arbeiten einen bewussten Kontrast: intensive Farben, geometrische und scheinbar unlogische Formen, Kitsch, Ironie und Übertreibung als gezielte Stilmittel – „form follows fun“ stand hier im Mittelpunkt. Design durfte und sollte wieder Emotionen bei den Betrachtenden auslösen, sollte Freude bereiten.

„Mein Studium war immer sehr technisch, und als ich diese Strömung kennengelernt habe, hat mir das gezeigt, dass Design viel mehr sein kann“, sagt Bobbe. Und auch ihre eigenen Entwürfe machen Spaß beim Anschauen: Sie sind lebendig, formfreudig, eklektisch und ziehen die Blicke magisch an. „Alltägliche Objekte müssen eben nicht langweilig sein.“ So entwirft Tina Bobbe „Collectible Designs“ – also Sammlerobjekte, die sich bewusst zwischen Kunstobjekt und Gebrauchsgegenstand bewegen.

Vom Prompt zum Produkt

Die Idee, quirlige Designobjekte zu schaffen, kam eher zufällig. In ihrer zweiten Elternzeit, Anfang 2018, sehnte sich Bobbe nach einer kreativen Beschäftigung – mit Kind gar nicht so leicht. Zu dieser Zeit kamen KI-Tools wie Dall-e oder Midjourney auf den Markt, die Bilder generieren können. „Es war das perfekte Match. Während das Baby auf mir schlief, tobte ich mich kreativ aus.“

Bei der Erstellung wirklich guter KI-Bilder reicht es allerdings nicht, wie man vielleicht denken könnte, einfach niederzuschreiben, was man sich vorstellt. Voilà, fertig ist das perfekte Bild. Weit gefehlt: „Das ist ein iterativer Prozess, bei dem sich einerseits die Idee weiterentwickelt und andererseits der Prompt immer weiter geschärft wird. Letztlich ist die KI aber nur eines von vielen Werkzeugen im Designprozess, das mal toll funktioniert und ein anderes Mal weniger gut.“

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Einige dieser Experimente teilte sie auf Instagram. Interessiert habe das gut ein Jahr lang niemanden, erzählt sie, „bis dann eine Kaffeemaschine viral gegangen ist“. Zu diesem Zeitpunkt kam erstmals die Idee auf, daraus vielleicht mehr zu machen – ein eigenes Unternehmen. Mit der viral gehenden Kaffeemaschine kamen nämlich nicht nur 30.000 Followerinnen und Follower hinzu, sondern auch Anfragen für Projekte und Ausstellungen.

„Ich habe im Mai 2024 eine Einladung bekommen, in Kopenhagen während der Fashion Week bei der CIFF auszustellen“, erzählt Tina Bobbe über die Anfänge ihres Labels. Geplant war ursprünglich, nur ihre Bilder zu zeigen. Doch für Bobbe war das genau die richtige Gelegenheit, jetzt einmal wirklich ein physisches Produkt zu entwickeln und auszustellen.

Die Dekofizierung der Espressomaschine

Hier kamen ihr ihre Studienfächer Maschinenbau und Industriedesign zugute. Ihr erstes Modell war der „Pipe Frame“ – ein handgemachter Rahmen für eine Espressomaschine, der aus Stahl, Edelstahl und Aluminium besteht und mit hochglänzendem Lack veredelt wird. Dekofizierung einer Kaffeemaschine könnte man es nennen – 3400 Euro kostet das Modell letztlich. „Ich hatte die Fähigkeiten, selbst das Design bis zur Umsetzung zu entwickeln. Den Rahmen habe ich direkt mit lokalen Partnern in Dresden umgesetzt.“

Weil besagtes Ur-Modell 30 Kilo wog, entschied sich Bobbe dazu, die „Pipe Frame Minis“ für 1300 Euro als alltagskompatiblere Variante zu entwickeln, bei der sich ebenfalls ein dickes Rohr um die Kaffeemaschine legt – unter anderem erhältlich in Kaugummi-Pink, Burgunderrot oder Zyanblau. Personalisierbar, je nachdem, welche Kaffeemaschine eingesetzt werden soll.

Hinzu kommt der anfangs erwähnte manuelle Filterkaffeebereiter aus verschiedenfarbigem Naturstein und Harz, der „Stone Drip“, den es – auch wenn es auf den ersten Blick kaum zu glauben ist, weil das Modell geometrisch makellos und klar wirkt – tatsächlich gibt.

Dass ihre Entwürfe nicht nur als Objekte, sondern auch als Bildwelten existieren, zeigt auch der Fotokalender „Espresso Fantasia“ von Selekkt. Darin versammelt Bobbe ihre imaginären Kaffeemaschinen-Stillleben – visuelle Konzepte, die zwischen digitaler Fantasie und möglicher Realität schweben.

Aktuell arbeitet Bobbe an einer ganz anderen Idee: einer Pillendose. „Das mag erst einmal nicht so spannend klingen, aber so viele Menschen nehmen Medikamente oder Supplements ein – wie schön wäre es, sie in einem Objekt aufzubewahren, das man gerne herumstehen hat und auf das man sich jeden Morgen freut?“ Im Mai lanciert Bobbe außerdem eine Kollektion mit dem Sonnenbrillenhersteller Viu aus der Schweiz. Wie die Rahmen aussehen werden, verrät sie aktuell nicht. Vorstellen kann man sich das allerdings nur allzu gut: Eine Sonnenbrille mit Terrazzo-Bügeln oder Schlauchboot-Rahmen – spielerisch-quirlig wie auch sonst die Handschrift von Tina Bobbe.

Tina Bobbe. Weitere Informationen unter www.tinabobbe.com


© Berliner Zeitung