Gasspeicher nur bei 21 Prozent: Europas Gaspreis am TTF springt über 700 Dollar
Die Gaspreise in Europa springen nach der Eskalation im Nahen Osten auf den höchsten Stand seit 2022. Der April-Kontrakt am niederländischen Handelsplatz TTF kletterte am Dienstag zeitweise auf rund 59 Euro je Megawattstunde – umgerechnet mehr als 700 Dollar je 1000 Kubikmeter. Gleichzeitig sind die deutschen Gasspeicher deutlich leerer als in den Vorjahren.Nach iranischen Angriffen wurde in Katar die Produktion am weltweit größten LNG-Exportkomplex vorübergehend gestoppt. Die Anlage von QatarEnergy in Ras Laffan steht für rund ein Fünftel der globalen Flüssigerdgasversorgung. Das Land zählt derzeit nach den USA und Russland zu den wichtigsten LNG-Lieferanten Europas.
Drohung gegen Straße von Hormus verschärft das Risiko für Europas Gasversorgung
Einen Zeitplan für die Wiederaufnahme der Produktion gibt es bislang nicht. Bereits am Montag waren die Preise zeitweise um mehr als 50 Prozent gestiegen, bevor sie mit einem Tagesplus von rund 35 Prozent schlossen.
Ein Sprecher der iranischen Revolutionsgarde (IRGC) drohte zudem mit einer Schließung der Straße von Hormus und kündigte an, jedes Schiff, das die Durchfahrt versuche, anzugreifen. Es wächst die Sorge, dass es zu Störungen im Persischen Golf und insbesondere in der Straße von Hormus kommen könnte. Über diese Route wird ebenfalls rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels transportiert. Jede länger andauernde Unterbrechung würde den globalen Wettbewerb um verfügbare Gaslieferungen verschärfen.
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Heizsaison läuft noch – doch Europas Gasreserven schrumpfen schneller als erwartet
Die Preissprünge treffen auf sinkende Reserven. Laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE/AGSI) sind die deutschen Gasspeicher derzeit nur noch zu 20,83 Prozent gefüllt – nach rund 32 Prozent vor einem Monat. Für die verbleibenden Wochen der Heizsaison bleibt damit weniger Spielraum, sollte es zu weiteren Lieferstörungen oder einer späten Kältewelle kommen.
Eine formelle strategische Gasreserve gibt es in Deutschland bislang nicht. Angesichts steigender Preise stellt sich jedoch die Frage, ob die Bundesregierung in diesem Frühjahr stärker steuernd eingreifen will – etwa durch gezielte Vorgaben zur Befüllung oder durch eine staatlich koordinierte Beschaffung. Bleibt das Preisniveau erhöht, verteuert das nicht nur kurzfristige Beschaffungsgeschäfte, sondern auch die anstehende Befüllung der Speicher für den kommenden Winter.
Asien konkurriert um LNG – Europa muss am Spotmarkt stärker mitbieten
Asiatische Länder kaufen traditionell einen großen Teil des LNG aus dem Nahen Osten. Sollten dort länger Lieferungen ausfallen, müssten europäische Abnehmer zudem stärker um alternative Quellen konkurrieren, etwa aus den USA oder Westafrika, schreibt Bloomberg. Das treibt die Preise weiter an.
„Die Versorgungssicherheit ist jetzt bedroht“, zitiert die US-Nachrichtenagentur Simone Tagliapietra, Analystin bei Bruegel. „Das Ausmaß hängt von der Dauer des Produktionsstopps ab, aber wir befinden uns jetzt in einer neuen Situation.“ Analysten von Goldman Sachs warnen, dass bei einer mehrwöchigen Störung des Transits durch die Straße von Hormus deutliche weitere Aufschläge möglich wären.
Europa bleibt angesichts des beschlossenen Ausstiegs aus dem russischen Erdgas stark in den globalen LNG-Handel eingebunden. Preisbewegungen werden dadurch schneller und heftiger weitergegeben.
TurkStream und LNG: Russland könnte vom Iran-Krieg profitieren
Nicht nur die USA oder Westafrika, sondern auch Moskau könnte davon profitieren. „Für Russland könnten sich Chancen ergeben, wenn die LNG-Lieferungen aus Katar gestoppt werden“, sagte Maria Jaller-Makarewicz, leitende Energieanalystin am Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse, im Gespräch mit Politico.
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Denn das EU-Importverbot gegen russisches LNG greift erst ab Anfang 2027 und gegen russisches Pipeline-Gas ab dem 1. November 2027. Über die TurkStream-Pipeline fließt weiterhin russisches Gas flexibel nach Südosteuropa und nimmt unter Umständen zu, wie die Januar-Zahlen zeigen.
Ob sich die Lage rasch beruhigt oder eine längere Phase erhöhter Preise folgt, hängt von der weiteren Entwicklung im Nahen Osten ab. Klar ist jedoch: Niedrige Speicherstände treffen in diesem Frühjahr auf ein erhöhtes geopolitisches Risiko – und machen Europas Gasmarkt wieder anfällig für externe Schocks.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de
