DDR-Erinnerungen einfach wegradiert? Warum das SEZ für viele Ostdeutsche mehr ist als Beton
Das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) liegt an diesem grauen Sonnabend wie ein riesiges Raumschiff hinter dem Bauzaun an der Landsberger Allee in Friedrichshain. Vor dem Bretterverschlag wird der Protest laut, dieses Raumschiff abreißen zu wollen.
Günter Reiss steht inmitten der Demonstranten, die gegen den Abriss des SEZ protestieren. Er ist ein großer Mann, der dagegen ist, dass das einstige Vorzeigeprojekt Ostdeutschlands einfach so weggebaggert wird.
Es sei sein Werk, sagt Reiss. „Die Struktur des Hauses ist in Ordnung“, erklärt er. Der Bau des Hauses, das 1981 eingeweiht wurde, sei sein Schlüsselwerk gewesen. Reiss ist der Architekt des SEZ, das 1981 für die Öffentlichkeit freigegeben wurde und zunächst jedes Jahr Millionen Besucher hatte.
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„Es gibt keinen Grund, das Gebäude abzureißen. Es ist völlig intakt und der Beschluss des Senats, alles abbaggern zu wollen, ist nicht nachvollziehbar“, sagt der 84-jährige Architekt, der noch immer in seinem Beruf arbeitet.
Gesine Lötzsch wartet darauf, dass sie zu den rund 200 Demonstranten an der Landsberger Allee reden darf. Lötzsch ist Abgeordnete der Linkspartei und seit Jahren strikt dagegen, dass das SEZ abgerissen wird.
Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie sie in den 1980er-Jahren zwei Mark Eintritt für das SEZ bezahlt hat, um an der Popgymnastik teilzunehmen, erzählt sie.
Mit ihrem Mann und den Kindern war sie zudem oft im Wellenbad, aber auch im Polarium zum Schlittschuh laufen. „In diesem Haus gab es alles: Sportmöglichkeiten und Kultur. Viele Menschen haben sich einfach nur hier getroffen“, sagt Lötzsch.
Insofern finde sie es befremdlich, dass Berlin heute über einsame Menschen diskutiere und dann so einen Ort der Begegnung einfach wegreißen wolle. Um Wohnungen zu bauen. Die könnten auch an anderen Orten entstehen, sagt sie. Platz genug sei vorhanden in der Stadt.
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“
Gesine Lötzsch kann sich vorstellen, dass das SEZ, für das Anfang März der Abriss beginnen soll, noch zu retten ist. „Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, sagt sie. Zumal es in diesem Jahr Wahlen gebe. Aber es bedarf auch guter Argumente für eine Abkehr von der völligen Zerstörung des Gebäudes. „Ich glaube daran, dass man das SEZ restaurieren kann.“
Ein Abriss des Sport- und Erholungszentrums wäre für sie ein katastrophales Zeichen an die Menschen, die im Osten aufgewachsen sind. „Ahornblatt, der Palast der Republik – das alles waren Architekturdenkmale der Ostmoderne, die aus dem Stadtbild schon verschwunden sind“, zählt sie auf. Sie spricht davon, dass Osterinnerungen immer wieder einfach so wegradiert werden würden. Das aber dürfe nicht sein.
Susanne Lorenz, vom Verein „SEZ für alle“, spricht davon, dass der Senat unfähig gewesen sei, nach der Wende eine Lösung für das SEZ und die Menschen zu bewerkstelligen.
Das Sport- und Erholungszentrum wurde 1981 eröffnet, lange nach der Wende an einen Investor verkauft. Der kam der Aufforderung nicht nach, das Schwimmbad binnen fünf Jahren wieder zu eröffnen. Deswegen klagte das Land das Areal zurück – und hat nun vor, das Bauwerk abzureißen, um 700 Wohnungen und eine Schule zu errichten.
Ein entsprechender Bebauungsplan wurde 2018 festgesetzt. Das Areal soll von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte GmbH bebaut werden. Sie hat die Zusage, ab dem 2. März dieses Jahres das SEZ abreißen zu dürfen. An dem Tag ist eine Anhörung zu dem Objekt im Abgeordnetenhaus geplant.
Man werde an dem Tag keine „unumkehrbaren Tatsachen“ schaffen, teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf eine Anfrage der Berliner Zeitung mit. Der Verein Gemeingut in BerlinerInnenhand e.V. hat am Freitag den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aufgefordert, den genehmigten Vollzug des Abrisses auszusetzen. Ansonsten, so sagt Carl Waßmuth vom Verein, werde man Klage beim Verwaltungsgericht einreichen.
Wilma D. ist mit ihren beiden Söhnen zu der Protestveranstaltung gekommen. „Ich weiß von meiner Mutter, die hier aufgewachsen ist, wie schön es im SEZ war“, sagt die 43-Jährige. Ihre Söhne kennen das Sport- und Erholungszentrum nicht. „Ich würde mir wünschen, dass sich das ändert.“ Denn viele Möglichkeiten, schwimmen zu gehen, gibt es in der Innenstadt nicht.
