Wenn Zahlen Politik machen: Der MOTRA-Monitor und seine blinden Flecken
MOTRA steht für „Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung“ und gehört inzwischen zu den wichtigsten Instrumenten, mit denen Staat und Forschung Radikalisierung in Deutschland erfassen wollen. Es ist ein staatlich finanziertes Großprojekt, das seit 2019 läuft und bisher von drei Ministerien mit rund 20 Millionen Euro gefördert wurde. Das Forschungsprogramm ordnet gesellschaftliche Daten und Trends ein. Genau darin liegt sein Wert – und sein Problem.
Wissenschaftler und Experten aus verschiedensten Bereichen sollen für die Plattform soziale Entwicklungen sichtbar machen und Risiken erkennen. So unter anderem die Kriminologische Zentralstelle (KrimZ) aus Wiesbaden, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) oder die Universitäten in Hamburg (UHH) und München (LMU). Doch wer genauer hinschaut, merkt, dass nicht nur nüchtern gemessen, sondern bewusst gewichtet wird. Gefördert wird die Plattform vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, vom Innenministerium sowie vom Bildungs- und Familienministerium.
Gewalt spielt bei MOTRA keine zentrale Rolle
Der jüngste Bericht zu den Jahren 2024 und 2025 erschien erst diesen Monat. Die rund 600 Seiten beginnen mit einer klaren Botschaft: Die politisch motivierte Kriminalität steigt. Der Bericht stützt sich auf die Zahlen des Bundeskriminalamts, nach denen 2024 insgesamt 84.172 Straftaten registriert wurden – ein Höchststand.
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Gleichzeitig relativiert der Bericht diesen Befund an zentraler Stelle. Die politisch motivierte Gewaltkriminalität liegt demnach bei rund fünf Fällen pro 100.000 Einwohner. Es heißt, dass „damit ein im historischen Vergleich höheres, aber kein auffälliges Niveau“ erreicht wurde. Eine weitere Relativierung ist, dass der Anstieg vor allem niedrigschwellige Delikte wie Beleidigungen, Drohungen oder Konflikte im digitalen Raum betreffe – nicht primär schwere Gewalttaten.
Auffällig ist auch, dass Gewalt in der Analyse keine oder zumindest keine zentrale Rolle spielt. Der Fokus liegt stattdessen auf Delikten, die sich statistisch gut und vor allem leicht erfassen lassen. Das Wort Vergewaltigung etwa wird im Bericht an keiner einzigen Stelle genannt.
Links oder rechts? Konflikte sind schwer zuzuordnen
Ein Befund in den Kapiteln zu Phänomen- und Opfermonitoring besagt, dass 71 Prozent der politisch motivierten Straftaten sich angeblich keinem Lager klar zuordnen lassen. Nur 17 bis 22 Prozent der Betroffenen können Anfeindungen überhaupt politisch einordnen. Das bedeutet, dass ein beachtlicher Teil der Konflikte gar nicht in die Kategorien „rechts“ oder „links“ passt – obwohl genau diese Kategorien hauptsächlich Thema des Berichts sind.
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Brisant ist, dass Martin Sellners Klubtreffen in Wien, zu dem der „österreichische Rechtsextremist“ und „Sprachrohr der deutschsprachigen rechtsextremistischen Gruppierung ‚Identitäre Bewegung‘ (IB)“ Mitglieder seines kostenpflichten Digitalformats MSLive im Sommer 2025 eingeladen hat, ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Ein Pendant dazu, also ein Kapitel zu einem linksextremen Blogger, gibt es nicht.
Rechts im Fokus – Gruppenvergewaltigung unerwähnt
Der Monitor zeigt deutliche Zuwächse im rechten Spektrum. Erwähnt werden häufig sogenannte Propagandadelikte. Damit sind zum Beispiel das Verwenden verbotener Symbole sowie Straftaten im Umfeld von Wahlen gemeint – etwa bei Europa-, Landtags- oder Kommunalwahlen. Mit dieser Rubrik begründen die Experten, warum der Bereich „rechts“ im Bericht so stark hervorgehoben wird.
Gleichzeitig zeigt dieser aber auch, dass sich Konflikte keineswegs auf dieses Spektrum beschränken. So nehmen etwa Delikte im Bereich „ausländische Ideologie“ und „religiöse Ideologie“ ebenfalls zu; insbesondere im Zusammenhang mit dem Israel-Gaza-Konflikt, der sich auch in Deutschland in Form von Demonstrationen, antisemitischen Vorfällen und politischen Spannungen niederschlägt. Das sind Themen, die dem linken politischen Spektrum zugeordnet werden. Der Begriff Gruppenvergewaltigung wird jedoch nicht erwähnt.
MOTRA-Lücke: Auch Antifa steht nicht im Bericht
Gerade bei Protestgeschehen wird diese Vielschichtigkeit sichtbar. Straftaten entstehen hier häufig aus direkten Konfrontationen zwischen politischen Lagern, etwa zwischen linken und rechten Gruppen, aber auch im Kontext internationaler Konflikte oder innenpolitischer Themen wie Migration oder Landwirtschaft.
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So entfallen rund 31 Prozent der protestbezogenen Delikte auf das linke Spektrum, 29,4 Prozent auf internationale Konfliktlagen und 24,9 Prozent auf sonstige Bereiche – etwa im Umfeld der Bauernproteste. Der Bericht meint sinngemäß, rechte Delikte seien hierbei die sichtbarsten. Gleichzeitig wird zwar der Begriff „Antifaschismus“ beziehungsweise „antifaschistisch“ mehrfach erwähnt, aber „Antifa“ taucht kein einziges Mal im Bericht auf. Die „Identitäre Bewegung“ wird rund achtmal erwähnt.
Der entscheidende Begriff: „Offenheit“
Bei den Einstellungen zeigt sich eine Entwicklung, die schnell dramatisch wirkt. Der Anteil klar rechtsextremer Positionen bleibt mit rund fünf Prozent nahezu unverändert. Gleichzeitig wächst die Gruppe derjenigen, die in der Studie als „offen“ für solche Positionen gelten. Bei den unter 40-Jährigen betrifft das 27,3 Prozent – also mehr als ein Viertel.
Was dabei oft übersehen wird: Als „offen“ gilt in der Studie bereits, wer einzelnen Aussagen zustimmt. Zum Beispiel der Meinung, dass es zu viele Ausländer im Land gibt oder dass Deutschland seine Kultur stärker schützen sollte.
Das bedeutet: In dieser Gruppe sind nicht nur überzeugte Extremisten, sondern auch Menschen mit bestimmten, teils verbreiteten politischen Ansichten. Wenn all diese Personen zusammengezählt werden, entsteht ein deutlich größeres Problemfeld, als es der harte Kern tatsächlich ist.
Erwähnungen von AfD und Die Linke
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei den sogenannten Alternativmedien. Laut Bericht werden sie nur von einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung genutzt – von etwa drei bis vier Prozent im rechten Spektrum und ein bis zwei Prozent im linken. Trotz dieser geringen Reichweite widmet der Monitor diesen Gruppen viel Aufmerksamkeit. Vor allem im rechten Spektrum wird detailliert untersucht, wie sich dort Einstellungen verdichten – etwa steigende Werte bei Rechtsaffinität oder Demokratiedistanz.
Das führt zu einem Ungleichgewicht: Kleine, klar identifizierbare Gruppen lassen sich gut quantifizieren und auswerten und rücken dadurch stärker in den Fokus. Die große Mehrheit der Bevölkerung, die sich nicht eindeutig zuordnen lässt, bleibt dagegen analytisch im Hintergrund. Das Problem ist nicht, dass diese Milieus untersucht werden, sondern dass aus ihrer Entwicklung schnell ein allgemeiner Trend abgeleitet wird, obwohl sie nur einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft betreffen.
Es kann sich schließlich jemand, der zum Beispiel SPD oder CDU wählt, sowohl als links wie auch als rechts betrachten und Alternativmedien konsumieren. Übrigens, die Partei Die Linke wird im Bericht kein einziges Mal erwähnt. Die AfD findet sich mit rund 47 Treffern wieder.
Islamismus: Differenziert – aber nicht konsequent
Im Bereich islamistischer Einstellungen arbeitet der Bericht deutlich präziser. Rund acht Prozent der befragten Muslime vertreten klar islamistische Positionen, etwa ein Viertel zeigt eine gewisse Offenheit dafür. Gleichzeitig wird ausdrücklich betont, dass die große Mehrheit solche Einstellungen ablehnt.
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Entscheidend ist dabei ein anderer Punkt: Die Studie zeigt, dass nicht Religiosität an sich das Problem ist, sondern bestimmte rigide Auslegungen. So weisen etwa fundamental orientierte Gruppen deutlich höhere Werte auf, während liberale oder weniger religiöse Gruppen kaum entsprechende Einstellungen zeigen.
Diese Differenzierung ist wichtig, weil sie pauschale Zuschreibungen vermeidet. Auffällig ist jedoch, dass eine vergleichbare Genauigkeit in anderen Bereichen fehlt. Während hier genau zwischen unterschiedlichen Gruppen und Abstufungen unterschieden wird, werden etwa im Bereich „rechts“ deutlich breitere Kategorien verwendet, mit denen sehr unterschiedliche Einstellungen zusammengefasst werden.
Viele Daten, aber die Begründung fehlt
Ein zentrales Problem liegt darin, dass die Studien zwar Zusammenhänge zeigen – etwa dass bestimmte Einstellungen häufiger gemeinsam auftreten oder in bestimmten Gruppen zunehmen. Daraus werden jedoch schnell weitergehende Schlüsse gezogen, etwa über gesellschaftliche Entwicklungen oder politische Ursachen.
So wird zum Beispiel aus der wachsenden „Offenheit“ für bestimmte Positionen eine generelle Radikalisierung abgeleitet, ohne dass klar ist, wodurch diese Entwicklung tatsächlich ausgelöst wird. Ob wirtschaftliche Unsicherheit, Migration, politische Debatten oder einzelne Ereignisse eine Rolle spielen, bleibt offen.
Der Monitor beschreibt also, dass sich etwas verändert, aber nicht, warum. Genau an dieser Stelle entsteht die Lücke zwischen Daten und Deutung.
Was bringt die Plattform? Und wem nützt sie?
Von der Plattform, die mindestens noch bis 2028 gefördert werden soll, profitieren vor allem staatliche Stellen und die Präventionslandschaft. Dazu arbeitet der Verbund eng mit Institutionen wie dem Bundeskriminalamt, dem Bundesamt für Verfassungsschutz oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zusammen und stellt seine Ergebnisse gezielt für diese Behörden bereit.
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Neben klassischen Studien produziert MOTRA auch praxisnahe Formate – etwa Kurzberichte, Konferenzen und Austauschformate, die sich direkt an Behörden, Beratungsstellen und politische Entscheidungsträger richten. Ziel ist es, Radikalisierung früh zu erkennen und Maßnahmen dagegen zu entwickeln.
Für diese Akteure hat das Projekt einen klaren Nutzen: Es liefert Daten, Einschätzungen und Argumentationsgrundlagen für sicherheitspolitische Entscheidungen und Präventionsprogramme. Weniger eindeutig ist der Mehrwert für die Öffentlichkeit. Denn der Monitor beschreibt Entwicklungen, ohne klar zu zeigen, welche Maßnahmen tatsächlich wirken oder welche politischen Konsequenzen daraus folgen sollten.
Die Nachfragen der Redaktion – unter anderem, wie viel das jeweilige Ministerium an finanziellen Mitteln zur Verfügung stellt und warum es genau diese Plattform fördert – ließen alle drei beteiligten Ministerien vorerst unbeantwortet.
