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Modisch oder makaber: Kann man jetzt noch Military-Print im Alltag tragen?

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16.03.2026

Wenn man dieser Tage die Berliner Filiale der Modekette Brandy Melville am Hackeschen Markt betritt, findet man zwischen College-Blazern und T-Shirts mit „New York“-Aufdruck auffällig oft ein bestimmtes Muster: Camouflage. Es ziert Miniröcke, bauchfreie Tops, Unterwäsche mit Rüschenbesatz und sogar Haarreifen. Was einst im Ersten Weltkrieg von französischen Künstlern entwickelt wurde, um Soldaten im Gelände zu tarnen, ist nun auf TikTok ein großer Renner.

Die Zielgruppe der Marke – junge Mädchen – packt in Hunderten von Videos ihre Einkaufstüten aus und hält die tarngemusterten Errungenschaften freudig in die Kamera. Dem gegenüber steht eine Weltlage, die mit zahlreichen Kriegen und Krisenherden im Nahen Osten sowie in der Ukraine modische Accessoires und Kleidung in Tarnfarben irritierend bis taktlos wirken lässt. Zumal Brandy Melville genau jene Zielgruppe bedient, die im Rahmen des Ende 2025 verabschiedeten neuen Wehrdienstgesetzes einen Fragebogen der Bundeswehr zugeschickt bekommt – die Geburtenjahrgänge ab dem Jahr 2008.

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Vom Militär in den Mainstream

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass es keineswegs ein neues Phänomen ist, dass Militär-Mode den Streetstyle beeinflusst. Längst sind die Grenzen zwischen militärischer Kleidung und ziviler Mode verschwommen – viele scheinbar alltägliche Kleidungsstücke haben ihren Ursprung in der Armee.

Das gilt nicht nur für Offensichtliches wie das Tarnmuster, sondern auch für den Trenchcoat, der ursprünglich für britische Offiziere im Ersten Weltkrieg entworfen wurde. Oder die Bomberjacke. Diese entwickelte sich aus Fliegerjacken der US Air Force, etwa der MA-1, die in den 1950er-Jahren für Jetpiloten entwickelt wurde. Produziert wurde diese etwa von Alpha Industries, einem US-Unternehmen, das 1959 gegründet wurde und im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums Militärbekleidung herstellte.

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Heute ist Alpha Industries den meisten wohl lediglich als Modemarke bekannt. Das markante, leuchtend orangefarbene Innenfutter der Bomberjacke, das im Alltag wie ein flippiger Farbtupfer wirkt, hatte im militärischen Kontext eine überlebenswichtige Funktion: Im Notfall konnten abgestürzte Piloten die Jacke wenden, sodass Rettungsteams sie aus der Luft leichter erkennen konnten.

Vom Protest zur Popkultur

Militärische Mode fand über viele Wege in den Mainstream. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde militärische Kleidung von verschiedenen Gegenkulturbewegungen bewusst neu interpretiert. Besonders in den USA griff die Anti-Vietnamkriegsbewegung auf Armeejacken und Tarnkleidung zurück. Studierende, Aktivisten und Veteranen trugen ausrangierte Militärjacken oder Camouflage zum Protest: Feldjacken mit Friedenssymbolen, Buttons oder selbstgemalte Parolen wurden zum sichtbaren Widerstand gegen Krieg und Militarismus.

Noch später, in den 1980er-Jahren, griff insbesondere die HipHop-Kultur Tarnjacken, Cargo-Hosen und andere militärische Kleidungsstücke auf, die in Army-Läden günstig erhältlich waren, und machte sie zu einem festen Bestandteil urbaner Streetwear. In den folgenden Jahren entdeckte auch die Luxusmode die militärische Ästhetik: Designer wie Jean Paul Gaultier, Vivienne Westwood und Yohji Yamamoto integrierten Camouflage und militärische Silhouetten in ihre Kollektionen.

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Wirklich weg war das Muster seither nie – auch in den vergangenen Jahren griffen große Modehäuser Camouflage wieder auf – etwa Louis Vuitton in der Kollektion für Frühjahr/Sommer 2024 oder Dior in der Resort-Kollektion 2025. Auch Mode-Ikonen wie Schauspieler Jacob Elordi oder Model Bella Hadid setzen beim Stadtbummel auf das gescheckte Muster.

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Camouflage im Zeitalter von TikTok

Wie steht es also heute um Camouflage-Print? Hat es seinen militärischen Hintergrund abgelegt und ist zu einem modischen Print geworden, wie Punkte, Streifen oder Blümchen?

Während das sicherlich für manche der Brandy-Melville-Kundinnen zutrifft, haben andere nach gewohnter Gen-Z-Manier einen humoristischen Umgang damit gefunden. „Holt euch die Camouflage-Kleidung, bevor es die Armee tut“, schreibt eine TikTok-Nutzerin zu ihrem Video. Auch wenn die Logik etwas hinkt, die Aussage ist klar und deutlich. „Brandy bereitet die Girls auf den bevorstehenden Krieg vor“, kommentiert eine andere.

Schwarzer Humor, der nicht jedem gefallen wird – aber auch eine Form, mit der düsteren Weltlage umzugehen. Ob Miniröcke, Haarreifen oder Rüschen-Unterhosen mit Camouflage-Muster nun also geschmacklos sind oder eine humoristische Bewältigungsstrategie darstellen, liegt im Auge des Betrachters. Wie so oft ist die Wahrheit nicht schwarz oder weiß – sie bildet fließende Übergänge, wie das Camouflage-Muster selbst.


© Berliner Zeitung