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Podcasterin Antje Riis: „Ostdeutsche haben ein feines Gespür für Fehlentwicklungen“

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14.03.2026

Rosenstolz-Sängerin AnNa R., Star-Podcaster Matze Hielscher, Union-Trainer Steffen Baumgart und Theaterregisseur Leander Haußmann – sie alle waren schon bei Antje Riis am Mikrofon. In ihrem Podcast „Born in the GDR – Geschichte(n) aus einem verschwundenen Land“ spricht die Wahl-Berlinerin mit ihren prominenten und weniger bekannten Gästen über deren Kindheit in der DDR, die Wendezeit und Brüche in ihren Biografien – direkt, ehrlich und ohne Verklärung.

Im Gespräch erzählt Riis, wie sie ihre Gäste zum Erzählen bringt, welche Begegnungen sie besonders bewegt haben und wie persönliche Geschichten aus der DDR lebendig werden. Außerdem spricht sie über prägende Erlebnisse aus ihrer Kindheit, wie sie heute auf das verschwundene Land zurückblickt, warum sie mit dem Begriff der Ostalgie fremdelt und weshalb Ostdeutsche auch heute noch ein feines Gespür für gesellschaftliche Fehlentwicklungen haben.

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Frau Riis, in Ihrer Podcastbeschreibung heißt es: Viele Geschichten aus dem Osten sind noch zu erzählen, müssen erzählt werden. Wann kam Ihnen die Idee zu „Born in the GDR“? Die Idee, dem Thema mehr Gehör zu schenken, waberte schon lange in mir. Aber wie es oft so ist, brauchte es den richtigen Moment. Ich hatte damals beruflich Kontakt zu Peter Brinkmann. Das war der Journalist, der Günter Schabowski bei der Pressekonferenz vom 9. November 1989 in Ost-Berlin die entscheidende Frage stellte: Ab wann die Grenzen geöffnet seien – „ab sofort“? Eines Tages habe ich ihn dann gefragt, ob er sich ein Gespräch mit mir vorstellen kann – und er hat sofort zugesagt. Die erste Folge lag dann mindestens ein halbes Jahr bei mir herum (lacht). Zum Tag der Deutschen Einheit dachte ich mir: Wenn nicht jetzt, wann dann? Ab dem Zeitpunkt gab es kein Zurück mehr. Gerade zum Start des Podcasts am Mauerfalltag hätte ich mir keinen besseren Gast wünschen können. Selbst wenn Peter Brinkmann nicht born in the GDR ist – und dem Titel so eigentlich nicht entspricht.

Ist der Geburtsort für Sie sonst das ausschlaggebende Kriterium für die Auswahl Ihrer Gäste? Die meisten meiner Gäste wähle ich eher nach Bauchgefühl aus. Mich interessieren in erster Linie die ganz persönlichen Geschichten. Es gibt viele Formate, in denen Menschen aus dem Osten nur kurz zu Wort kommen. Da sitze ich dann oft vor dem Fernseher und habe tausend Fragen: Was ist denn bei Person XY seit dem Mauerfall passiert? Das wirklich Spannende sind doch eben diese Brüche in den Biografien.

Wie bereiten Sie sich auf die verschiedenen Biografien Ihrer Gäste vor? Manche Gespräche wirken fast so, als würden Sie ihr Gegenüber schon seit einer Ewigkeit kennen. Ohne gute Vorbereitung findet keine Folge statt. Das habe ich in meiner Zeit beim Fernsehen gelernt, als ich rund 15 Jahre Talkshows gemacht habe, unter anderem bei Johannes B. Kerner. Wenn ein Gast kommt, lese ich alles, was ich über ihn finden kann, und stelle ihm nicht nur Standard-PR-Fragen. Bei Leander Haußmann zum Beispiel habe ich seine gesamte Biografie gelesen. Das macht dann vielleicht den Unterschied – zumindest hoffe ich, dass man das merkt.

Gab es Gespräche in den 26 Folgen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind? Ich möchte kein Ranking erstellen, das wäre den anderen Gästen gegenüber unfair. Aber das Gespräch mit Union-Trainer Steffen Baumgart war sehr besonders. Normalerweise gibt er kaum persönliche Interviews außerhalb des Fußballs. Mit mir hat er offen über eine Kinderkrankheit gesprochen, die er zu überwinden hatte. Solche Momente bleiben hängen. Oder Edda Schönherz: Sie war DDR-Fernsehansagerin und erkundigte sich nach einer Ausreise nach Ungarn. Dafür landete sie im Stasi-Gefängnis und verschwand komplett von der Bildfläche. Nach ihrer Freilassung kehrte sie im Westen zurück ins Fernsehen – beim Bayerischen Rundfunk. Heute macht sie Führungen in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Das ist eine unglaubliche Lebensgeschichte. Und es gibt Gäste, die mir durch einzelne Sätze im Gedächtnis geblieben sind. Flake von Rammstein hat einmal gesagt – ich paraphrasiere das jetzt –, dass er sich als Ostdeutscher in Deutschland manchmal diskriminiert fühlt. Das ist ein bemerkenswerter Satz von jemandem, der ein Weltstar ist und trotzdem sehr bodenständig geblieben ist.

Zurück zu Ihrer Podcastbeschreibung: Welche Geschichten aus dem Osten würden Sie gern noch hören? Da gibt es eine Menge. Natürlich braucht ein Podcast auch bekannte Gäste, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber mir sind genauso die Schicksale der Menschen wichtig, die keine Wendegewinner sind. Menschen aus Jugendwerkhöfen zum Beispiel oder solche, die durch das DDR-System schwer gelitten haben. Diese Geschichten gehören auch in den Podcast. Sie müssen erzählt werden.

In der Folge mit Matze Hielscher sagten Sie, der Begriff des „Jammer-Ossi“ sei für Sie mühsam gewesen und ein Grund dafür, diesen Podcast zu starten. Könnten Sie das ausführen? Das habe ich gesagt (lacht)?

Ja. Stehen Sie nicht mehr dahinter? Es ist doch so: Dieser Begriff erzeugt automatisch eine Rechtfertigungssituation. Sobald man ihn benutzt, steht die andere Person in der Defensive. Dabei wäre es doch sinnvoller, erst einmal zuzuhören. Vielleicht gibt es ja Dinge, über die man sprechen sollte. Wenn man nach über 30 Jahren wirklich auf Augenhöhe miteinander umgehen möchte, hilft so ein Begriff meiner Meinung nach nicht.

Wie reagieren eigentlich Hörerinnen und Hörer aus dem Westen auf den Podcast? Unterscheidet sich das Feedback von dem aus Ostdeutschland? Sehr positiv. Ich habe zum Beispiel eine Nachricht von einem Lehrer aus den USA bekommen, der den Podcast im Unterricht nutzt. Das hat mich sehr berührt. Oder eine Anwältin aus Düsseldorf hat mir geschrieben, dass sie gezielt nach ostdeutschen Biografien gesucht hat und dabei auf meinen Podcast gestoßen ist. Neulich hat mir auch jemand aus Baden-Württemberg geschrieben, mein Podcast würde verbinden. Wenn ich das auch nur im Kleinen schaffe, hat sich die Arbeit schon gelohnt.

Kommen wir zu Ihnen. Sie sind selbst in der DDR aufgewachsen. Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit? Ich hatte eine schöne Kindheit, die recht stringent ablief. Ich bin gern zur Schule gegangen und habe lange Zeit gar nicht politisch gedacht. Erst als Teenager habe ich gemerkt, dass sich etwas verändert. Menschen sind ausgereist, es gab eine neue Musikszene – etwa in Leipzig und Berlin. Bands sangen plötzlich auf Englisch. 1989 haben viele Künstler eine Resolution unterschrieben, in der sie die Staatsführung kritisierten. Da wurden die gesellschaftlichen Umbrüche für mich deutlich. Ich selbst war nur einmal auf einer Montagsdemo in Leipzig. Und das hatte Gründe: Mein Ausbildungsabschluss fiel in diesen Sommer, man musste Angst haben, dass er gefährdet wird.

Ihre Ausbildung haben Sie im Hotelgewerbe absolviert, im damaligen Hotel Merkur in Leipzig, und bekamen dort auch viel Besuch aus dem Westen. Wie haben Sie diese Begegnungen erlebt? Für uns waren das fast Menschen von einem anderen Planeten. Sie trugen andere Kleidung, hatten einen anderen Geruch – Dinge, die man bei uns nicht kaufen konnte. Aber sie waren meist sehr freundlich. Wenn man ein paar D-Mark Trinkgeld bekam, war das natürlich etwas Besonderes.

Wie blicken Sie mit etwas Abstand zurück auf Ihre Ausbildungszeit? In diesem Hotel herrschte ein sehr strenges Reglement. Vor Ort konnte man nur mit Valuta zahlen, also Westgeld. Ich weiß noch, wie wir jedes Mal beim Verlassen des Hotels am Personalausgang einen roten Knopf drücken mussten. Das war ein Zufallsgenerator. Wenn ein Alarm ertönte, wurden unsere Taschen kontrolliert. Das lag daran, dass es in diesem Hotel, das zur Leipziger Messe immer ausgebucht war, viele Dinge aus dem Westen gab – Silberleuchter oder hochwertiges Geschirr –, damit sich die Gäste wohlfühlten und ihr Geld dort ließen. Unser Trinkgeld in D-Mark mussten wir nach jeder Schicht abgeben. Wochen später bekamen wir sogenannte Forumschecks zurück, eine Art Ersatzgeld für den Intershop.

Sind Ihnen Momente im Gedächtnis geblieben, in denen Sie die Macht des Staates direkt zu spüren bekommen haben? Eine Geschichte hat mich sehr geprägt – und ich habe sie noch nie im Podcast erzählt. Als ich etwa zwölf war, bekam meine Familie einen Brief: Ich sollte beim Wehrkreiskommando erscheinen und eine Aussage machen, also bei der NVA. Das war Alarmstufe Rot. Man wollte mit dem Staat möglichst nichts zu tun haben. Also sind mein Vater und ich hingefahren. Mir wurde ein handgeschriebener Brief vorgelegt, angeblich von mir, in roter Tinte. Darin stand, dass ich Kontakt zu einem Soldaten wollte. Ich hatte diesen Brief aber nie gesehen. Dann wurde mein Vater hinausgeschickt – und ich wurde allein verhört. Ich war zwölf Jahre alt! Das war ziemlich beängstigend. Später erinnerte ich mich: Monate zuvor hatte ein Soldat bei uns geklingelt und behauptet, ich hätte ihm geschrieben. Ich hatte ihm gesagt, dass ich ihn nicht kenne, und die Tür wieder zugemacht. Offenbar hatte jemand diesen Brief in meinem Namen geschrieben.

Und wer war das? Das weiß ich bis heute nicht. Offenbar ein böser Streich. Am Ende konnten mein Vater und ich glaubhaft versichern, dass ich damit nichts zu tun hatte. Die Sache verlief im Sande. Aber das war mein erster direkter Kontakt mit der Staatsmacht. Und das vergisst man nicht so schnell.

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Wie blicken Sie heute auf die DDR zurück? Ich verkläre sie nicht und wünsche sie mir auch nicht zurück. Aber: Ich hatte eine schöne Kindheit. Das heißt nicht, dass das System gut war. Für mich kam der Mauerfall genau zur richtigen Zeit. Ich war 18. Plötzlich öffneten sich Möglichkeiten, von denen wir vorher nur träumen konnten. Natürlich waren die ersten Jahre hart. Ich habe meinen Job als Kellnerin verloren, weil nach der Währungsunion niemand mehr mit Westgeld für ein Bier bezahlen wollte. Aber ich habe das damals als Abenteuer gesehen. In den frühen Neunzigern waren Leipzig und Berlin ein riesiger Abenteuerspielplatz.

Viele Menschen sprechen heute von Ostalgie, also der Sehnsucht nach bestimmten Lebensformen und Gegenständen aus der DDR. Haben Sie dafür Verständnis? Ostalgie ist ein komplizierter Begriff. Interessanterweise kam vieles von dem, was heute damit verbunden wird, zuerst aus dem Westen – etwa Fernsehsendungen, in denen die DDR plötzlich lustig oder als Nostalgiewelt dargestellt wurde. Viele Menschen vermissen, glaube ich, nicht die Diktatur, sondern Dinge wie Zusammenhalt. Aber der entstand aus der Not heraus. Für mich bleibt die Freiheit das wichtigste Gut.

In einem Interview haben Sie mal gesagt, dass Ostdeutsche ein besonderes Gespür für gesellschaftliche Fehlentwicklungen haben. Woher kommt dieses Feingefühl? Sie haben erlebt, was passiert, wenn ein System nicht mehr auf die Menschen hört. Heute sieht man immer stärker, wie Politik und Gesellschaft auseinanderdriften. Oft wird alles über einen Kamm geschert: Der Osten? Der ist blau! Das ist viel zu pauschal. Schaut man auf westliche Bundesländer, werden Städte und Regionen einzeln benannt. Hier ist es bloß der Osten. Ich wünsche mir, dass man wieder stärker einander zuhört – besonders aber dem Osten. Denn dort wird noch immer oft über die Menschen gesprochen, statt mit ihnen. Genau deshalb mache ich diesen Podcast: Damit diese Stimmen gehört werden.

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In Ihrem Podcast stellen Sie Ihren Gästen zum Schluss immer noch ein paar schnelle Fragen. Ich habe mich davon inspirieren lassen. Die erste Frage lautet: Welchen Film würden Sie einer Person empfehlen, die nach der Wende aufgewachsen ist – am besten noch wie ich im Westen? Barbara von Christian Petzold.

Warum? Weil er sehr authentisch das Leben in der DDR zeigt und gleichzeitig beschreibt, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben.

Welche Produkte aus der DDR benutzen Sie heute noch? Ich greife immer noch zum Spülmittel Fit und im Kühlschrank darf Bautzner Senf nicht fehlen. Oh, und natürlich meine geliebten Spreewaldgurken!

Was war Ihr letztes DDR-Konzert? Das müsste Pankow gewesen sein. Zwei Tage nach dem Mauerfall habe ich mich sogar entschieden, nicht nach Berlin zu fahren, sondern zu ihrem Konzert in Halle an der Saale – um anschließend mit ihnen nach West-Berlin zu fahren.

Ihr Song zum Mauerfall? Eindeutig (lacht): Sandow mit „Born in the GDR“.


© Berliner Zeitung