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Angela Winkler liest Werner Fritsch: Texte, die deutsche Geschichte nicht erzählen, sondern aufbrechen

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28.01.2026

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Vor ein paar Monaten sprach mich Werner Fritsch an, ob nicht sein Text „Das Rad des Glücks“, erschienen bei Suhrkamp, für die Reihe „Kultur gegen das Vergessen“ geeignet wäre – ein Text über eine überlebende Romafrau, über Erinnerung, die sich weigert, still zu werden. Und ob Angela Winkler diesen Monolog lesen könnte. Schon in diesem Moment war klar, dass es nicht um eine Lesung im herkömmlichen Sinn gehen würde, sondern um eine Begegnung: zwischen Stimme und Musik.

Werner Fritsch, 1960 in Waldsassen in der Oberpfalz geboren, gehört zu jenen Autoren, deren Sprache immer auch Widerstand ist. Seit seinem frühen Roman „Cherubim“ schreibt er Texte, die sich nicht beruhigen lassen: „Steinbruch“, „Fleischwolf“ oder „Hydra Krieg“ – Texte, die die deutsche Geschichte nicht erzählen, sondern aufreißen, die hineinschneiden in die bundesrepublikanische Wirklichkeit, bis sie schmerzt.

Diese Haltung hat auch biografische Gründe. Nach dem Abitur meldete sich Fritsch freiwillig zur Bundeswehr in der Oberpfalz und begann, seine Erfahrungen auf Klopapierrollen festzuhalten. Er schrieb mit, was er im Drill und in der Kaserne unter den jungen Rekruten hörte. Dort erlebte er, wie die Freiheiten, die er als Gymnasiast gewohnt war, sofort eingeschränkt wurden. Er musste abgeben, was er gelernt hatte: freie Meinungsäußerung, demokratische Errungenschaften, zivilen Widerstand.

Stattdessen traf er auf Kommandos voller reaktionärer Sprüche. Diese Sätze waren nicht nur Befehle, sie waren eine Ideologie, die Hierarchie, Gehorsam und Anpassung über Menschlichkeit stellte. Alles, was ihm über die Lehrpläne der Schule zum kritischen Staatsbürger in der jungen Demokratie beigebracht worden war, war hinweggefegt. Die Erfahrung des Zum-Schweigen-Gebrachtwerdens, der täglichen kleinen Demütigungen und der verordneten Schablonen für richtig........

© Berliner Zeitung