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Jakob Augstein und Holger Friedrich im Theater Ost: Westalgie trifft ostdeutsche Westerweiterung

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23.01.2026

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der offenen Debatte. Dichtes Gedränge und volles Haus im Theater Ost an diesem Donnerstagabend im Spätjanuar in Adlershof. Für die im Barbereich ausgestrahlte Liveübertragung werden die letzten Tickets an der Abendkasse ergattert. Die Hauptbühne ist ausverkauft. Es fühlt sich an wie das „Neue Forum“: Bürger wollen wieder das scheinbar Undenkbare für die Mündigen – echte Differenz, offene Reibung, ergebnisoffene Diskussion ohne vorab erahnbaren Ausgang.

Draußen an der frischen Luft erzählen sich einige in der Schlange, sie hätten den „Osten“ lange unterschätzt. Heute wollen sie zuhören. Vor allem reizt sie der Gedanke, einen westdeutschen Verleger mit dem einzigen ostdeutschen Verleger auf Augenhöhe diskutieren zu sehen. Der Osten ist hier nicht mehr Objekt fremder Deutungen, sondern Subjekt eigener Erfahrung – geprägt von Transformation, Brüchen und Selbstbehauptung.

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Jakob Augstein, geboren in Hamburg, Verleger des Freitag und Miteigentümer des Spiegel-Verlags. Holger Friedrich, geboren in Ost-Berlin, Verleger des Berliner Verlags.

Auf der Website des Theaters finden sich in der Veranstaltungsbeschreibung die Steckbriefe der beiden Gesprächspartner – übernommen aus Wikipedia. Ein Sternchen darunter wirkt wie ein lakonischer Kommentar zur Gegenwart: „Holger Friedrichs Wikipediaeintrag enthält verschiedene Falschbehauptungen.“ Postfaktik in Reinform: Selbst Lebensläufe sind Verhandlungssache.

Und so wird das Theater Ost in Berlin-Adlershof an diesem Abend zum Demokratielabor: für Perspektivwechsel, für neue Erzählungen, für eine Debatte, in der der Osten nicht mehr erklärt wird – sondern selbst spricht.

Friedrich, der gleich zu Beginn gesteht, öffentliche Auftritte machten ihn „extrem nervös“, hätte lieber alle auf ein Bier eingeladen. Was folgt, ist kein Schlagabtausch, sondern ein Gespräch auf Augenhöhe – und eine behutsame Demontage westdeutscher Gewissheiten, an der sich........

© Berliner Zeitung