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Barrierefreiheit in Berlin: Warum der Alltag für Rollstuhlfahrer ein Hindernislauf bleibt

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Welche Arztpraxis ist für mich erreichbar? Wo ist die nächste barrierefreie Toilette? Wie komme ich aus der U-Bahn raus, wenn der Lift nicht funktioniert? Diese Fragen müssen sich manche Menschen niemals stellen – andere ihr ganzes Leben lang.

Auch wenn das Thema Barrierefreiheit für viele Menschen keine Rolle spielt, ist es relevanter denn je: Etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung sind zwingend darauf angewiesen, beachtliche 30 bis 40 Prozent benötigen Leitsysteme, Fahrstühle, Rampen und weitere Hilfsmittel im Alltag.

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Besonders deutlich zeigt sich der Handlungsbedarf im öffentlichen Nahverkehr. Der Bedarf an Begleitservices des Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) steigt kontinuierlich: Wurde im Jahr 2008 lediglich 632-mal personelle Hilfe für die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs angemeldet, waren es 2025 laut VBB ganze 23.930-mal. Etwa die Hälfte davon sind mobilitätseingeschränkte Menschen, die Unterstützung benötigen – vor allem dort, wo die Umsetzung noch Lücken hat: beim Einsteigen in Busse mit zu hoher Bordsteinkante oder wenn ein Aufzug wieder einmal außer Betrieb ist.

Diese stark gestiegene Zahl ist weniger ein Fortschritt als vielmehr ein Symptom für die schleppende Anpassung der Stadt an die Bedürfnisse ihrer Bewohner.

Kein Geld, keine Flächen, keine Kapazitäten

Seit vielen Jahren setzt sich die Berlinerin Maike D. für eine behindertengerechte Stadtgestaltung ein. Sie schreibt Briefe an den Bezirk, nimmt an Begehungen von Bauunternehmen teil und kontaktiert Politikerinnen und Politiker. Für sie ist das Thema eine Herzensangelegenheit, denn ihr 15-jähriger Sohn Maxi sitzt im Rollstuhl.

Sie prangert an, dass ihr Kind auf fast keinem Spielplatz in der näheren Umgebung spielen kann, weil keinerlei behindertengerechte Geräte für Kinder wie ihren Sohn gebaut werden. „Kein einziger der vielen Spielplätze, keine Schaukel, auch nicht der Skaterpark, ist nutzbar für Kinder mit Behinderungen. Auch Erwachsene mit Rollstuhl können ihre Kinder nicht auf die Spielplätze begleiten“, beklagt die Mutter. Doch die Antworten, die Maike D. auf ihre Kritik bekommt, sind immer die gleichen: kein Geld, keine Flächen, keine Kapazitäten.

Maike und Maxi D. zeigen einen Spielplatz im Gleisdreieckpark. Er zeigt beispielhaft, wie Rollstuhlfahrer aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen werden. Während andere Kinder unbekümmert auf zahlreichen Geräten turnen und klettern können, bleibt der 15-Jährige außen vor. Eine hohe Kante versperrt ihm den Zugang, der Bodenbelag aus Rindenmulch macht die Fortbewegung im Rollstuhl nahezu unmöglich. „Das ist ein wichtiger sozialer Ort für Kinder und Eltern, an dem man sich treffen und voneinander lernen kann. Diese Chance wird mir und meinem Kind verwehrt“, beklagt Maike D.

Auf Unverständnis stoßen auch die acht neu gebauten Riesenschaukeln, die über den Gleisdreieckpark verteilt sind. Diese kann Maxi höchstens benutzen, wenn er an vielen Seilen befestigt wird. Und selbst dann: „Alle Kinder schließen mich aus, weil sie das nicht gewohnt sind. Das macht mich wütend und traurig, ich will genauso dazugehören“, sagt Maxi frustriert. Inklusivere Spielplätze würden ihm mehr Kontakt zu anderen Kindern ermöglichen – und damit die Chance, dazuzugehören.

Die letzte Hoffnung legte die Mutter noch in einen neu gebauten Spielplatz an der Kurfürstenstraße. Die verantwortliche Unternehmensgruppe Grün Berlin verspricht: „Die Gewährleistung der Zugänglichkeit aller Bereiche des Parks für alle Menschen ist für uns ein hohes Gut.“ Doch als Maike D. den Spielplatz, „der auch für Menschen im Rollstuhl nutzbar ist“ besucht, traut sie ihren Augen kaum. Nur eine kleine Rampe mit wenigen sensorischen Spielplatten ragt in den ansonsten unzugänglichen Spielplatz hinein. Wie sich ein eingeschränktes Kind hier mehr als fünf Minuten beschäftigen soll, ist fraglich.

„Anders komme ich nicht nach Hause“

Auch andere körperlich eingeschränkte Anwohner des Gleisdreieckparks sind wütend.  Im Zentrum der Kritik steht der S-Bahnhof Yorckstraße. Als einer der wenigen S-Bahnhöfe Berlins ist er bis heute ohne Fahrstuhl und ohne Rampe – nur zwei Treppen führen von der Straße zum Bahnsteig.

Eine Mutter schleppt dort ihren großen Kinderwagen bis nach oben und ist völlig außer Atem. Für Rollstuhlfahrer ist der Bahnsteig gar nicht zu erreichen. „Ich muss seit vielen Jahren immer einen Umweg über Südkreuz nehmen, anders komme ich nicht nach Hause“, erzählt eine Betroffene. Der Bahnhof soll im Zuge des großen S21-Projektes bald grundlegend umgebaut werden. Nach jahrelanger Wartezeit bekommen die Anwohner dann wohl endlich einen Fahrstuhl.

Zurzeit aber verstößt der Bahnhof gegen geltendes Recht. Seit 2022 müssen Fahrzeuge, Infrastruktur und Informationssysteme des öffentlichen Nahverkehrs nach dem deutschen Personenbeförderungsgesetz komplett barrierefrei sein. 95 Prozent der 168 S-Bahnhöfe in Berlin erfüllen laut VBB diese Vorgaben bereits. Bei den U-Bahnhöfen sind es derzeit 83 Prozent, bei den Regionalbahnhöfen nur 61 Prozent.

Das größte Problem bei der Barrierefreiheit im Berlin-Brandenburger Verkehrssystem sind aber die Bushaltestellen, von denen lediglich zehn Prozent als behindertengerecht gelten. Nur etwa 650 der 6500 Haltestellen verfügen über eine erhöhte Bordsteinkante zum erleichterten Einstieg oder Leitsysteme für blinde und sehbehinderte Menschen – und das, obwohl die Busse selbst fast vollständig entsprechend ausgestattet sind.

Das bringt das oft übersehene Problem auf den Punkt: Berlin ist im öffentlichen Raum nicht „unbarrierefrei“, sondern „inkonsistent barrierefrei“. Ein barrierefreier Bus bringt den Betroffenen wenig, wenn sie diesen nicht ohne Hilfe betreten können oder nicht finden. Barrierefreiheit entsteht nur dann, wenn alle einzelnen Schritte eines Weges funktionieren – von der Wohnung über den Gehweg zur Haltestelle, weiter in den Bus bis zum Zielort. Sobald einer dieser Schritte nicht möglich ist, wird der gesamte Weg unbrauchbar.

Barrierefreiheit ist für die Stadt verpflichtend

Auf dem Papier hat sich Berlin der Barrierefreiheit verpflichtet, sei es durch das Landesgleichberechtigungsgesetz (LGBG) oder den Maßnahmenplan „Berlin Inklusiv“. In der Umsetzung scheitert vieles jedoch – wie so oft – an Budgets und Bürokratie, besonders beim Thema Wohnen.

Die Datenlage ist lückenhaft und vieles wird nicht zentral erfasst. Sicher ist aber: Der Stadt fehlen über 100.000 barrierearme Wohnungen. Schätzungen und Studien zeigen, dass weniger als zehn Prozent der Gebäude für körperlich eingeschränkte Menschen nutzbar sind.

Vor allem Altbauten sind für Rollstuhlfahrer ungeeignet: durch ihre steilen Treppen, engen Hausflure und fehlenden Aufzüge. Einer Sanierung stehen häufig Denkmalschutzauflagen sowie rechtliche und bauliche Einschränkungen im Wege. Gleichzeitig wächst der Bedarf an barrierefreien Wohnungen stetig – durch eine alternde Bevölkerung, eine steigende Zahl chronischer Erkrankter und eine höhere Lebenserwartung.

Berlin ist keine unzugängliche Stadt – aber eine, auf die man sich als mobilitätseingeschränkter Mensch nicht verlassen kann, und in der sich viele Betroffene nicht gehört fühlen. Dabei scheitert die Stadt weniger an der Technik als an der Fläche und der Verknüpfung von barrierefreier Zonen – und oft auch am Bewusstsein der Verantwortlichen in dieser Stadt. Für Menschen wie Maxi bleibt Berlin damit ein Ort voller Möglichkeiten – die oft unerreichbar sind.


© Berliner Zeitung